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Als ich abends ins Bett falle & kurz die Augen zumache, ziehen die Gedanken in meinem Inneren rasend schnelle Kreise, zu laut, um sie noch hören zu können. Ein unsortiertes Alles an Eindrücken, Gedanken & den Formen innerer Eindrücke, die weder ganz das eine noch das andere sind.
Angefangen hatte alles ein paar Wochen vorher: Ich war in Berlin am Schaufenster eines meiner Lieblingsbuchläden – dem großartigen Otherland – vorbeigegangen & hatte in einem Schaufenster gesehen, dass am ersten Juliwochenende die Metropolcon, “a multimedia Event for Science Fiction, Fantasy & Horror”, in Berlin stattfinden würde. Nie von gehört, aber einen Blick auf den Flyer & einige Stunden später im Regionalzug nach Leipzig aufs Programm hab ich ganz aufgeregt einer befreundeten Person geschrieben, ob wir da zusammen hingehen wollen. In jedem Slot, an jedem Tag: lauter Themen & Personen, die in meinem Denken & Fühlen – erstmal über Literatur, aber, wie ich gleich ausholen will, darin eben über so viel mehr als das – einen besonderen Platz einnehmen. Nach viel hin & her überlegen entschieden wir uns, nur einen Tag statt des ganzen Wochenendes zu gehen – eine Entscheidung, die zumindest ich jetzt im Nachhinein sehr bereue. Angesichts unmöglicher Entscheidungen – verzichten wir auf den Talk mit Le-Guin-Übersetzerin Karen Nölle oder die Bestandsaufnahme Cyberpunk? – wird trotzdem eine getroffen & wir kaufen ein Ticket für den Samstag.

An eben jenem stolpern wir, morgens, gut koffeiniert & nur ein bisschen aufgeregt, auf das Gelände des Silent Green Kulturquartiers in Berlin. Auf eine seltsame Art ein perfekter Ort für eine Con, die die Vielheit phantastischen Erzählens einfangen will: da sind die sakral-ehrwürdigen Teile, die einmal das Krematorium Wedding waren, das erste seiner Art in Deutschland, & in denen viktorianischer Horror & nostalgische Fantasy sich wie Efeu über die braunen Außenmauern ziehen. Daneben die Neubauten, die hellen, lichtgefluteten Glasfrontateliers, ihrerseits von echten Schlingpflanzen bewachsen – Glaswürfel, die von solarbetriebenen Zukünften & vercyberten Großstädten erzählen. Eine lange Rampe unter die Erde gehend schließlich die Betonhalle, kahle Steinwände & das Gefühl räumlicher Begrenztheit, wie ich es mir von Raumschiffen vorstelle. Für alle Geschmäcker der Phantastik also was dabei.

Den Vormittag verbrachte ich in einer wilden, lebendigen, stellenweise chaotischen & jederzeit wunderbaren Diskussion mit Autor:innen, Verleger:innen & anderen Übersetzer:innen. Zusammen haben wir darüber geredet, warum der europäische Markt gerade für europäische Texte so unzugänglich ist, vor allem aber, wie wir – mit der gebündelten Expertise aller am Literaturmarkt Beteiligten, vor allem aber der echten Leidenschaft von Community-Mitgliedern – uns so vernetzen & supporten können, dass wir Zugänge & Reichweite, die der Markt vielleicht verwehrt, selbst schaffen können. Darüber, wie das am besten geht, waren – wie soll es anders sein? – verschiedene Meinungen im Raum, die mich gerade in ihren Differenzen & ihrer Perspektivenvielfalt beeindruckt haben. Manchmal frage ich mich schon, was da bei mir los ist, mich ausgerechnet im Jahr anno GPT 4 beruflich für Literaturübersetzungen zu interessieren, & Morgende wie diese sind da das beste Gegengift. Denn wo ich sonst oft alleine am Rechner sitze, während ich mich frage, was ich da mache, war hier ein ganzer Raum voller Leute, die eben auch die Leidenschaft hierhin gebracht hatte, das Gefühl, dass diese Art von Geschichten & diese Art von Geschichten zu erzählen, nicht einfach wichtig, sondern notwendig sind. Zum ersten Mal fühlte ich etwas, das mich den Rest des Tages noch begleiten sollte: das Gefühl, hier gerade Teil einer Gemeinschaft zu sein, einer Gruppe von Leuten, die eben nicht durch ihre Marktinteressen, sondern durch das wilde Flackern ihrer Herzen in diesem Raum gelandet waren & auf der Suche nach Kompliz:innen waren, um dieses Flackern in die Welt zu tragen. Ich hoffe auch, in den nächsten Monaten schon mehr davon erzählen zu können, was aus diesen Kompliz:innenschaften alles so weiter wächst.

Für den Tag selbst stolperte ich in die Mittagspause mit diesem Kopf voller rasender Gedanken, die den Tag über nur weiter an Fahrt aufnehmen sollten, sowie den ersten von vielen noch kommenden kurz-magischen Begegnungen. Ständig eine weitere kurze Verbindung, ein weiteres Gespräch, das in 10 Minuten Bekanntschaft Raum machte für erstaunlich tiefe, geteilte Gedanken oder die Art von gemeinschatflichem Lachen, die nur da ist, wo Menschen sich etwas fallen lassen. Gemeinschaft – one hell of a drug & etwas, was vielleicht nicht von außen direkt erkennbar ist, warum wir alle sie an diesem Tag um dieses Thema herum finden sollten. Aber das ist eben das Problem mit der Außenperspektive auf die Nerds: Sie ist eine Außenperspektive & versteht nicht – manchmal aus Mangel an Willen, manchmal aus Mangel an Können – was das Mehr ist, das für uns in diesen Büchern, Filmen & Welten steckt.

Ich muss zugeben: Auch mir geht das im ein- & ausnehmenden Rauschen unseres spätkapitalistischen Alltags manchmal etwas verloren. An Orten wie diesem merke ich wieder, wie wichtig es ist, wie viele Teile von mir eine Sprache haben, das auszudrücken, was im Alltagsrauschen schlecht oder gar nicht Sprache werden kann. Worte fand ich zum Beispiel dabei, mit Jiré Gözen, Tom Hillenbrand & Svenja Knisel mich zu fragen, ob das, wogegen das Cyberpunk einmal aufbegehrte, schon wahr geworden ist – womit wohl auch der Bogen zum Alltagsrauschen zurückgeschlagen wäre. Spannend war für mich hier aber vor allem die Frage, welche Rolle der Punk, das Aufbegehren & die Gegenpolitiken heute spielen, wo die dunkelsten Prophezeiungen des Cyberpunk sich in ihren stumpfsten & langweiligsten Formen realisieren, während gerade die, die diese Entwicklungen vorantreiben, sich am Performanceplaybook der Punks bedienen. Aber auch das Nachdenken über Körper & Körperlichkeit im Phantastischen, zu dem Svenja Knisel & Eleanor Bardilac einen Raum öffneten & in dem wir über das Spannungsfeld zwischen Monster & Cyborg redeten: Hier die Drohung, entmenschlicht zu werden, die ich als trans Person nur zu real kenne; dort der more-than-human, der seinen Körper technologisiert, um sich an die Welt anzupassen, bevor sie ihn zum Monster macht. & in der Mitte ein Mensch, der doch einfach nur sein & dabei vielleicht ein paar Geschichten erzählen will.

Alle Geschichten zu erzählen, die über den Tag entstanden sind, alle kleinen & großen Begegnungen zu erwähnen, die ihn so besonders gemacht haben – das wird hier nichts mehr, weils zu viel war. Zum Ende fühlte ich mich wie ein voller Eimer Wasser, in den beständig neues Wasser gegossen wurde. Nur, dass es nicht Wasser war, sondern Energie, Verbindung, Aufregung & Neugierde, hier noch eine Idee, die ich durchdenken wollte, dort noch ein Kontakt, der weiter blühen wollte. & am Schluss dieses Rauschen, das abends vor meinen Augen war & das so überwältigend, so schön, so anders als das Alltagsrauschen war.

Part 2

Aber eben: Warum eigentlich Science Fiction & Phantastik? Was ist dieses Mehr, von dem ich da oben geredet habe? Warum diese Begeisterung für Bücher, Spiele & Filme, in denen Zukünfte & andere Welten geträumt, gefürchtet & geformt werden?
Eine Frage, die ihre Antwort schon in sich hält. Mich haben Geschichten schon immer fasziniert & als Kind habe ich mich in viele andere Welten geflüchtet, bin von einer Geschichte in die nächste getaucht, auf der Suche nach einem Ort zum Abtauchen aus dieser Welt. Habe Geschichten zu lieben gelernt, weil es eine Art war, Menschen & mir nahe zu sein, die sich sicherer anfühlte als die, die einem etwas aus der Reihe fallenden Kind in einer Welt voll scharfer Kanten sonst oft angeboten wurde. Phantastik war ein Weg, mir selbst & diesem großen Ding namens Gesellschaft zu entkommen & mich dabei trotzdem – erst Recht! – mit all dem & mir selbst verbunden zu fühlen. Das Erzählen von Geschichten “bringt uns als Gemeinschaft zusammen, indem es fragt & sagt wer wir sind & ist einer der besten Wege für Individuen rauszufinden wer ich bin,”1 schreibt Ursula K Le Guin, eine von denen, die wie kaum eine andere versteht, wie wichtig Geschichten sind – für uns, als Einzelne, aber eben auch für uns, als Plural & Gemeinschaft.
& natürlich gilt das für alle Arten von Geschichten, aber in besonderem Maße dort, wo wir anfangen, uns von der Zukunft zu erzählen oder eher: von Zukünften, von denen, die vielleicht niemals werden. Oder denen, die wir meinen, in ihren Umrissen am Horizont bereits erkennen zu können. Die wir vor unseren Augen ihrer Wege ziehen, sich ausbreiten lassen, sie vorsichtig befragen & abtasten, um zu sehen, wie sie sich anfühlen, was sich in ihnen an Ungeahntem versteckt & wie wir uns, so wie wir gerade sind, durch ihre Augen anders sehen können.
Es sind Geschichten des Suchens & Ausprobierens, kollektiver Neugierde & Unsicherheit.

Mal sieht das aus, wie eine Welt, die noch so nah an unserer scheint, dass sie fast greifbar scheint, wie die komplizierte Welt von Cory Doctorow’s Walkaway. Dann wieder eine, die von dort, wo wir sind, schon beinahe unerkennbar wirkt, bis sich aus ihren unbekannten Formen die uns vertrauten Formen von Wirtschaft, Geschlecht & Geopolitik zu schälen beginnen – hier denke ich als Erstes an die Expanse-Reihe, wie James A. Correy sie geschaffen hat. Oder eine Welt, in der unsere wenig bis gar nicht mehr zu erkennen ist & die genau deshalb versucht etwas ganz anderes zu schildern, so wie die Monk & Robot-Bücher von Becky Chambers.
Was ihnen allen gemein ist, ist ein Akt der Übersetzung, der das, woraus unsere Begehren & unsere Ängste gemacht ist, nimmt & in Worte, die geteilt werden können, gießt.
Dann gibt es natürlich die riesigen Produktionen, wie wir sie vor allem vom Film kennen, die so breit verständliche, so allgemeine Begehren & Ängste zum Ausgang hat, dass sie eindrucksvoll & bombastisch, aber irgendwo darin auch ungreifbar werden, ihre Verbindung zu mir verlieren. Natürlich: Die Pod-Racing-Szene der Phantom Menace aus Star Wars wird für immer die erste FIlmszene sein, von der ich erinnere, sie in einem Kino gesehen zu haben – was sicher auch kein Zufall ist. Aber das visuelle Abenteuer, als das Star Wars mir heute erscheint, ist schon lange nicht mehr, was mich reizt – da schon eher neuere Ansätze, das Universum der Reihe wieder näher an unsere Welt zu knüpfen, wie Andor sie geht. & die Filme von Christopher Nolan haben sich für mich immer angefühlt, wie jugendlich & bekifft sein: als sei man unendlich nah an einer ganz großen, wahnsinnig komplexen Wahrheit, die sich, wenn man mal eine Nacht drüber geschlafen hat, so banal & stumpf anhört, dass man sich nicht mehr traut sie auszusprechen.
Spannender finde ich da dieser Tage das, was vielleicht das genaue Gegenteil dieser riesigen Produktionen ist & früher einmal Pulp genannt wurde: individuelle Träume, die mal wütend, mal träumerisch, mal fordernd, manchmal nicht mal fragend, mit viel Spaß & noch mehr Abenteuer & einer vielleicht etwas tapsigen & ungeformten Suche nach Identität. Kleine Texte, geschrieben von kleinen Namen & wer dieses klein ablehnt glaubt vermutlich auch noch, das Schwäche ein Fehler sei & als sei nicht beides, das Schwache wie das Kleine, Teil genau der Dinge, die unsere geteilte Menschlichkeit ausmachen – & als sei diese Texte zu lesen deshalb nicht auch genau ein Weg dieser zu begegnen. Pulp, sagt Margaret Killjoy, ist wie Punk: “Du hörst es dir an & denkst: Hey, das kann ich auch! & gleichzeitig hast du eine richtig gute Zeit. Und du kannst es auch. Wirklich. Du kannst eine Band gründen, die nur drei Akkorde spielen kann.2” Wenn wir uns die Fähigkeit zu Träumen wie einen Muskel vorstellen, dann ist Pulp das spielerische Training dieses Muskels.

Diese Art von Training, das lustvolle Ausprobieren & Erlernen davon, zu träumen, Veränderung zu spüren & wie es sich in ihr bewegen & in Beziehung gehen lässt, ist wichtiger, als wir uns das vorstellen können. Denn das Ringen darum, wie wir als Gesellschaften die Zukunft ebenjener ausgestalten ist auch vor allem ein “imagination battle,” ein “Kampf der Vorstellungskräfte”, wie adrienne maree brown von ihm spricht: “Ich fühle mich oft eingesperrt in jemand anderes Vorstellungen & muss meine eigene Vorstellungskraft nutzen, daraus auszubrechen.” Science Fiction als “Zeitreiseübung fürs Herz”, als “Weg, die Zukunft gemeinsam zu üben.3” In Zeiten, in denen so viel auf dem Spiel zu stehen scheint wie in unseren, ist diese Art von Kampf & Übung kein Luxus, sondern Notwendigkeit.
Träumen & damit das Lesen & Schauen, aber eben auch das selber Denken von Science-Fiction hilft, uns uns hierfür zu formen. Er hilft uns, etwas zu finden, das im Englischen intentions genannt wird & dem das nächste deutsche Äquivalent Absichten doch nicht ganz genüge tun kann4. Absichten haben etwas kurzsichtiges, instrumentelles. Meine Absichten stehen lose von meinen Werten. Meine intentions hingegen sind eng verknüpft mit diesen, werden die Kompassnadeln, die meine Werte auf die möglichen Zukünfte ausrichten, in denen ich in ihrem Sinne leben kann.
Da, wo solche Kompassnadeln Grundlage spekulativer und phantastischer Texte werden, entstehen Werke, die wirklich in das Leben eingreifen können, die verändern, wie wir unser Verhältnis zur Welt begreifen & damit auch unser Wirken in genau dieser. Ursula K Le Guins The Ones Who walk away from Omelas hat mein Denken darüber, Bürgerin einer industriellen Metropole der ersten Welt zu sein & die Rollen, die sich daraus ergeben, für immer verändert & die Earthseed-Verse aus Octavia Butlers Parable of the Sower – eine Dystopie, die durch die Jahre seit ihrem Erscheinen in erschreckende Nähe zur Gegenwart gerückt wurde & deren utopische Aufbegehren genau deshalb so wichtig erscheint – begleiten mich dabei, Veränderungen in meinem eigenen Leben zu gestalten & mich in den großen Veränderungen zu bewegen, von denen unsere Gesellschaft so gerne noch tut, als sähen wir sie am Horizont anstatt sie bereits zu erleben.
Beide, Le Guin & Butler, haben meine Art, politisch & emotional zu denken, verändert & damit ganz direkt, wie ich mein Verhältnis zur Welt & meine Wirkung auf sie begreife & gestalte. Das, diese Art Veränderung anzuregen, ist der Übergang der Literatur in den Aktivismus; ist dieser Kampf um die Köpfe, von dem die politisch engagierten Intellektuellen immer reden. Weil diese Köpfe es werden, die die Zukünfte unserer Welt gestalten. Nicht jeder Text will das & das ist gut & richtig so & es sind nicht nur diese, die ich an Science Fiction liebe. Aber die, die es wollen, finden in Science-Fiction eine dankbare Erde, um ihrer wichtigen gesellschaftlichen Aufgabe nachzukommen. Um das zu machen, was Schernikau einmal polemisch so fasste: “Was macht ein revolutionärer Künstler ohne Revolution? Na Kunst.”5

Na, das wurde ja schnell wieder endlos groß, nicht weniger als die Frage vom Verhältnis von Kunst zur Veränderung der Welt. Wir wollen sie hier für heute mal liegen lassen. Stattdessen: Was bleibt von der Metropolcon? Seiten voller Notizen in meinen Notizbüchern, rasende Gedanken, die sich über die nächsten Wochen in feste Formen, Mails & Worte gießen werden oder langsam leiser werden um in meinem Hinterkopf auf ihren Moment, wieder laut zu werden warten. Während ich diesen Text schreibe, fällt mir noch eine großartige Erwiederung zu einem Gespräch ein, das seit über einer Woche vorbei ist. Ein Glück, dass es spätestens nächstes Jahr in Lissabon die Chance gibt, es weiterzuführen.

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  1. Ursula K. Le Guin. A Message about Messages. CBC Magazine, 2005. ↩︎
  2. Margaret Killjoy. CZM Book Club: All Cats Are Grey, by Andre Alice Norton. Cool Zone Media, 2026. ↩︎
  3. adrienne maree brown. Emergent Strategy. Shaping Change, Changing Worlds. AK Press, 2017. ↩︎
  4. Vielleicht also ein Umkehr des Falls, den ich here neulich bezüglich Community diskutiert habe? ↩︎
  5. Ronald M Schernikau. Was macht ein revolutionärer Künstler ohne Revolution? In Königin im Dreck. Verbrecher, 2018. ↩︎