“Ich glaube, wir lassen die einfach machen, was sie wollen, aus Angst, sonst irgendwie rassistisch zu sein.” Die Worte hingen zwischen uns, in diesem Dachgeschossraum voller Couches & Sessel, voller in Decken eingemummelter Menschen, voller Gefühle & Sorgen. Erst waren sie ein Stein in meinem Bauch gewesen, dann ein unangenehmes, drückendes Kratzen in meinem Hals & jetzt, wo sie den Weg in unsere Mitte gefunden hatten, ein kleines Bündel voller Schwere, das in der Stille zwischen uns im Raum hing & mit jedem Atemzug, den wir in es hineinatmeten, ohne zu reden, zusammen mit der Stimmung im Raum leichter & leichter wurde.
Kennt ihr diese Sätze? Die endlos schwer auszusprechen scheinen, die irgendwie unbequem sind, die in uns kratzen, irgendwie raus wollen, irgendwie auch nicht – & einmal ausgesprochen folgt eine Sekunde Schreck & dann eine große Erleichterung. Den Satz oben habe ich mal in einer Gruppe gesagt, in der ich damals aktiv war. Wir, ein Haufen weißer Leute – von der Art, die sich viele Gedanken darum macht, welche Verantwortung sich aus einem bewussten Umgang mit dem eigenen weiß-Sein in einer rassistischen Gesellschaft ergeben – waren in regelmäßigen Kontakt mit zwei nicht-weißen Menschen, die, Hand aufs Herz, weder sonderlich gut zu uns passten noch sich uns gegenüber sonderlich freundlich verhielten – sie logen & manipulierten, hielten sich nicht an die meisten Absprachen & gingen, wenn sie darauf angesprochen wurde, in Gegenoffensive. & kamen, immer wieder, damit durch. Weil wir viel Verständnis für ihre – wirklich sehr prekäre – Situation hatten, uns gut erklären konnten, warum sie so & nicht anders handelten. Weil sie ja gesagt hatten, wir würden da bald nochmal drüber reden, als wir angesprochen hatten, dass es so nicht weiter ginge (& wir Treffen organisierten, zu denen sie dann nicht kamen). Weil, weil, weil. Was wir nie sagten: weil wir Angst hatten, dass, wenn wir eine Grenze setzen & sie auch durchsetzen, Konsequenzen aus dem andauernden Fehlverhalten der anderen ziehen würden, das irgendwie rassistisch sei1.
Das Aussprechen eines solchen Satzes, der in der Mitte des Raums stand, ohne gesehen werden zu dürfen, ein unsichtbares Zentrum, das eine wahnsinnige Schwerkraft ausübt & alles um sich herum sortiert, ohne dabei benannt zu werden, ist oft der einzige Weg, eine festgefahrene Situation wieder beweglich zu machen. Ich weiß noch, wie ich einmal einem Paar in einer Mediation am Ende unseres Termins sagte: “Wenn ihr nicht weiter wisst, können wir beim nächsten Mal dann einfach über die Trennung reden” – die beiden, festgefahren darin, sich gegenseitig die Bedingungen der Beziehungen aufzudiktieren, blickten mich entsetzt an. & kamen zum nächsten Termin mit einer neuen Entspannung & Beweglichkeit.
Oft sind diese Sätze genau das, was wir nicht hören wollen. & deshalb umso mehr hören müssen. Ein Lieblingswortspiel unter Mediator:innen ist, dass das, was diese Sätze machen, ist, dass sie ent-täuschen. Sie nehmen uns die liebgewonnenen, ja teilweise sich lebensnotwendig anfühlenden Täuschungen. & öffnen damit wieder Räume. Diese Enttäuschungen zu produzieren ist eine der nicht ganz bequemen, aber umso wichtigeren Aufgaben von Mediation
Denn oft sind es genau diese Täuschungen, die dazu führen, dass sich Konflikte fest graben, starr & verbissen werden. Genau da, wo wir nicht bereit sind, das, was der Fall ist, zu sehen, geraten wir in die tiefsten Grabenkämpfe beim Versuch, den anderen im Konflikt verwickelten unsere Wirklichkeit aufzuzwingen. Viele Konflikte, gerade im Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen, werden dann auch zu Schlachten um die Definitionsmacht, darum, wessen Wirklichkeit wirklich sein darf.
Manchmal setzt sich dabei eine Wirklichkeit durch, manchmal sogar die, die die Beziehung nachhaltiger, verbundener, intimer macht. Aber manchmal setzt sich auch keine Wirklichkeit durch, die Suche nach neuer Klarheit bleibt ergebnislos & es konfliktet, wie Klaus Eidenschink sagt2, munter weiter. Manchmal zerreibt man sich & leitet die getrennten Wirklichkeiten auf getrennte Wege. Manchmal will oder braucht man das Gemeinsame doch mehr & sucht nach einem anderen Weg. Manchmal heißt dieser Weg Mediation.
& auch, wenn ich als Mediatorin in den Vorgesprächen darauf hinweise, dass ich nicht da bin, ein “Richtig” & ein “Falsch” einzuteilen, gewissermaßen Realitäts-Schiedsrichterin zu spielen, kommen doch viele Menschen mit der unbewussten Erwartung in die Termine, dass im Laufe des Prozesses ihre Wirklichkeit – wenn schon nicht durch die andere Partei, dann doch wenigstens durch mich – als die “Richtige” anerkannt & damit verbunden, das Verdiente zugesprochen zu kriegen. So, wie die Leute sich vielleicht vorstellen, dass es vor Gericht passieren würde.
& so, wie Mediation eben nicht funktioniert. Sie funktioniert nach einem anderen Prinzip, das eben diese Enttäuschung braucht, um zu funktionieren. “Heilung”, sagt Susan Raffo, “beginnt damit, einfach nur festzustellen, was ist”3. Das Prinzip, auf dem die Wirkung von Mediation fußt, ist, wieder zu ermöglichen, einfach nur festzustellen, was ist. Den die Wirklichkeiten, mit denen die Menschen in meine Sitzungen kommen, sind in der Regel durch eine ganze Reihe von Filtern gelaufen, bis sie zu dem wurden was sie sind: Hier hat eine Erwartung – über die andere Partei oder gleich darüber, wie wir Menschen eben sind – einzelne Aspekte größer & grausiger gemacht, als sie das waren & dort, wo Momente eigenen Fehlverhaltens wären, sind in den geschilderten Wirklichkeiten auf einmal Lücken oder Sätze, die nach Prinzip “Ja, aber…” funktionieren. Kurz: Die Wirklichkeiten, die Menschen in die Mediation bringen, sind Geschichten & damit nicht die Wirklichkeit, sondern eine4. Das macht sie nicht weniger echt, im Gegenteil: Gerade weil sie echt sind, in dem Sinne, dass sie wirklich das sind, was die Menschen, die sie sich erzählen, erleben, können sie ihre Wirkung entfalten: Sie halten die Menschen in sich gefangen, verengen Perspektiven vom Über- zum Tunnelblick & ersetzen Handlungsfähigkeit mit gefühlter Hilf- & Schutzlosigkeit.
Aufgabe der Mediation ist dann auch, die Parteien so zueinander zu führen, dass auch ihre Wirklichkeiten sich wieder aneinander annähern. Es wird enttäuscht, bis aus den Geschichten wieder eine wird oder zumindest zwei, die ein gemeinsames Fortlaufen erzählen können. Dieser Abgleich erlebter Wirklichkeiten kann dabei manchmal kniepsen & zwicken. Denn wir müssen neue Momente in unsere Geschichte aufnehmen: unser Bild davon, wer unser Gegenüber ist, & eben auch, wer wir selber sind, korrigieren. Wie auch unsere Erwartungen daran, was das Streiten beenden kann. Plötzlich sind da Momente, auf die wir alles andere als stolz sind, ist da ein Gegenüber mit eigener Geschichte & Gründen, wo eben noch ein Arschloch war, das alles, was es an Wut abbekam, verdient hatte. Es geht nicht mehr nur darum, was zu holen ist, sondern auch, was gegeben werden kann. Im Englischen ließe sich sagen, diese Verschiebungen machen die, die sie erleben, humble – zu Deutsch: Sie machen demütig. Nur dass das Wort im Englischen viel neutraler ist als im Deutschen, wo die Kränkung gleich mit im Raum steht.
Ironischerweise ist die von der Enttäuschung produzierte Rückkehr zur Demut oft das Ende der Demütigung – denn letztere ist eines der zentralen Gefühle, das davor durch die Konfliktgeschichte genährt wird. In dieser sind wir unschuldige Opfer, die durch die Umstände & das Böse gedemütigt werden. Sich hier enttäuschen zu lassen, die Opferrolle zu verlassen & sich auf mehr Komplexität einzulassen, beendet diese andauernde, von außen erfahrene Demütigung & setzt an ihre Stelle eine ruhigere Demut, die wieder bereit ist mehr Wirklichkeit in die eigene Geschichte zu integrieren. Den Sonderstatus aufzugeben, diese oft so liebgewonnene Täuschung, ist eine unbequeme Angelegenheit, gerade wenn mir gegenüber eine Person sitzt, die ich als Auslöser meiner Demütigung erlebe. Hier den Sprung ins kalte Wasser & zur Klarheit, die auf den Kälteschock folgt, zu wagen braucht etwas Mut, etwas Neugierde & Vertrauen, sich aus einer falschen, aber bequemen Gewissheit zu lösen – sie brauchen die Art umgrenztes Chaos, von dem ich hier schon einmal als Aufgabe von Mediation geredet habe.
Dabei geht es eben nicht darum, die eine Wahrheit wiederzufinden, sondern eher miteinander kompatible Wahrheiten: solche, die nebeneinander bestehen & vor allem miteinander kreativ werden können. Wenn es beim konstruktiven Bearbeiten von Konflikten darum geht, “die Traumkuchen in unseren Köpfen in echten Kuchen in unseren Händen” zu verwandeln, wie Weyam Ghadbian & Jovida Ross das so schön sagen5, dann ist Enttäuschung der erste Schritt, das Aufgeben des Traumkuchens, um übers gemeinsame Backrezept zu reden. Es geht also nicht um reine Enttäuschung, sondern darum, eine Grundlage herzustellen, von der aus gemeinsam weitergegangen werden kann.
Ich muss hierbei immer an die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) denken, deren einer Grundpfeiler das Prinzip der radikalen Akzeptanz ist: die einfache Bereitschaft, den gegenwärtigen Moment als nichts anderes als das, was er ist, anzunehmen – eine gar nicht so einfache Aufgabe. Aber, so der Grundgedanke der DBT, die Voraussetzung dafür, die Dinge verändern zu können. Der Begründerin von DBT, Dr. Marsha Linehan, wird vage das Zitat “Veränderung & Akzeptanz sind keine Gegensätze – sie sind Partnerinnen” zugeschrieben6, das dieses Verhältnis auf den Punkt bringt. Natürlich ist dieser Akt der Akzeptanz dabei meist der unbequemste Teil, aber eben auch der, der einen Raum hinter den Erwartungen öffnet. Räume, in denen Kreativität, Möglichkeit & Entlastung warten. Auf den Punkt gebracht hat dies einer, der hier jetzt vielleicht etwas unerwartet aufploppt – wird er doch selten mit zwischenmenschlichen Konflikten & eher mit dem Klassenkampf in Verbindung gebracht: Friedrich Engels redet an einer Stelle von Freiheit als “Einsicht in die Notwendigkeit”7 & sagt, was ich in meinen Fällen immer wieder live erlebe: Dort, wo die Menschen noch um einen Traumkuchen, eine andere Welt kämpfen, sind sie eingesperrt & hilflos – & dort, wo sie Enttäuschung zulassen & Akzeptanz finden, werden sie ruhig & handlungsfähig, tuen sich Wege & Räume auf, passiert Veränderung.
Ich kenne dabei übrigens zwei Arten dieser erdenden, befreienden Enttäuschung in meinen Fällen: Die eine ist die gemeinsame, in der alle beteiligten Parteien ihre Traumkuchen verpuffen lassen und sich aneinander annähern. In diesem Erkennen finden sie einander sowie Mittel & Wege auf gemeinsame Zukünfte hin.
Einen anderen, selteneren, aber auch sehr spannenden Fall finde ich den der einseitigen Enttäuschung. Einmal erlebte ich in einem Fall, wie eine Partei sich bei der anderen entschuldigte & diese andere sich dabei wahnsinnig entspannte – & das, obwohl die Entschuldigung sehr am Thema vorbeiging. Nein, nicht obwohl; weil. Denn die entschuldigende Person brachte darin klar & ehrlich & überzeugend zum Ausdruck, nicht in der Lage zu sein, verstehen zu können, was ihr Gegenüber wollte oder bräuchte. Hier wären jetzt zwei Möglichkeiten für das Gegenüber: auf die Anerkennung, das Verstandenwerden beharren, selbst angesichts eines Menschen, der seine Unfähigkeit dazu eben eindeutig zum Ausdruck gebracht hat. Oder loslassen, die Enttäuschung über den Mitmenschen annehmen & akzeptieren, wie es eben ist: eine Entschuldigung, die mir gibt, was ich will, wird es hier heute nicht geben. Mein:e Mediant:in entschied sich für diesen zweiten Weg & konnte damit die Entschuldigung ruhig annehmen & anfangen, über gemeinsame Umgangsformen für die Zukunft zu reden – mit einem klaren, vorsichtigeren, enttäuschteren, aber echteren Bild davon, was die Grenzen dieser Umgangsformen sind.
Nicht das befriedigendste Ende, wenn sich das jetzt so liest, oder? Aber was wäre die Alternative gewesen? Im Kampf zu bleiben, beharrend darauf, etwas vom Gegenüber zu wollen, das dieses nicht in der Lage ist zu geben? Viele Leute entscheiden sich immer wieder für diesen Weg. Mit dem Ergebnis immer weiter im Konflikt gefangen zu sein. Manche gehen einfach, was manchmal auch ein effizienter Weg sein kann, einen Konflikt beizulegen. Andere begleiten ihr Gegenüber in dessen Veränderungsprozessen, damit dieses fähig wird, die gewünschte Form von Anerkennung zu geben. Ein nobler Weg, aber ein langer & anstrengender. Mein:e Mediant:in entschied sich für den Weg der Enttäuschung: zu sehen, was ist & was nicht. & auf Basis dieser Erkenntnis die eigenen Erwartungen an die Gegenwart anzupassen. Das heißt nicht “nichts zu wollen”. Aber eben nichts, was es nicht geben kann.
1 Wer – ob als Gruppe oder Person – mit einem antirassistischen Selbstverständnis & vor allem der dazugehörigen Praxis durch die Welt geht, kennt diese Art von Situationen & Überlegungen von sich oder anderen. Es sind komplizierte Momente, voller Widersprüchlichkeiten & Fallen & dieser Gemengelage in aller angebrachten Länge zu begegnen, ist wohl eher etwas für eigene Posts – von denen es, ich bin mir sicher, schon einige gibt, die das Ganze viel schlauer reflektieren können als ich.
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2 Klaus Eidenschink. Die Kunst des Konflikts, Carl Auer Verlag, 2025.
3 Susan Raffo, Gravity, the First Reflex. In: Liberated to the Bone. Histories. Bodies. Futures. AK Press, 2022.
4 Dazu, wie diese Geschichten aussehen & wie sie in der Konfliktbearbeitung aufgegriffen werden können, schreibt ganz wunderbar Samantha Hardy: Conflict Coaching Fundamentals. Working with Conflict Stories, Routledge, 2022.
5 Weyam Ghadbian, Jovida Ross. Turning Towards Each Other: A Conflict Workbook, 2020, Movement Strategy.
6 Eine ausgiebigere Onlinerecherche endet mit dem Ergebnis, dass es ziemlich wahrscheinlich ist, dass sie das (oder etwas Sinngemäßes) gesagt hat, nicht aber wo.
7 Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Marx-Engels-Werke 20, Dietz Verlag, 1962.
