Bevor ich mich, halb spontan, halb gutes Bauchgefühl, für das erste Mal “richtig” auf einer Konferenz dolmetschen meldete, dachte ich mir: “Wird schon nicht so schwer sein.” Famous last words.
Eigentlich war ich in die grau-grün strahlenden Schweizer Berge mit ihrem unerbittlich schönen Panorama gereist, um an einer dieser aktivistischen Sommerzusammenkünfte teilzunehmen: ein paar tausend Menschen voller Leidenschaft, die Welt zu verändern, treffen sich, irgendwo zwischen Konferenz- & Fachaustausch, Zeltlager mit Planspielen & Partyfestival.
&, wie so oft, wenn wir Freund:innen der Selbstorganisation uns treffen, mit einer langen Aufgabenliste, die wir zusammen stemmen mussten.
Gedolmetscht hatte ich hier & da schon in meinem Leben, aber in der Regel für nicht mehr als eine Handvoll Leute & eher in einer sinngemäßen englischen Zusammenfassung der deutschen Gespräche um uns herum. Genau dasselbe also, wie auf einmal ohne jede Vorbereitung einen inhaltlich dichten quasi-wissenschaftlichen Vortrag wiederzugeben – so meine bestechend klare Logik, als ich mich für die Verdolmetschung im Hauptraum meldete.
Plötzlich saß ich also im vollbestuhlten Gemeinschaftssaal des Rathauses dieser kleinen Schweizer Gemeinde, sicher 200 Stühle & jeder davon besetzt mit Menschen aus allen verschiedenen Teilen der Welt. Auf der Bühne stand ein Mensch, der erstens dem Clichée des zerfasert-wuseligen Historikers in dem, wie er seinen Vortrag hielt, zu entsprechen schien & vor allem zweitens den Hinweis, er könnte ruhig in seiner Muttersprache reden, es gäbe ja Verdolmetschung, ignorierte – er könne ja Englisch. &, wie ich heute im Rückblick weiß, damit auch einem weiteren Clichée entsprach: dem von Referent:innen, die in einem brutalen Crash aus komplexen Inhalten & rudimentären Englisch die Verdolmetschung an den Rand ihrer Kräfte bringen. Kein einfacher Einstieg ins Konferenzdolmetschen also.
Aber einer, der mich direkt festgehalten hat. Es war schwer, aufregend, “hat geballert”, wie sich etwas flapsig wohl sagen ließe. Es war schweißtreibend, hirnwindend, es war richtig: keine drei Minuten nach dem Aufsetzen der Kopfhöhrer & dem Abtauchen in eine der größten Herausforderungen an meine Improvisationskünste (auf die ich etwas gebe!) war ich weg, vollkommen abgetaucht in eine absolute Gegenwart, in der es außer der Stimme aus den Kopfhöhrern & dem, was ich ins Mikrofon sprach, nicht mehr viel sonst für mich auf der Welt gab. Flow-State wird das genannt, glaube ich.
Ich weiß noch, wie ich irgendwann mit meiner Kollegin abgewechselt hab, sie das Mikro zu sich zog, ich die Kopfhöhrer absetzte, durchatmete & neben mich schaute. Links, da saßen zwei andere Dolmetschpaare, rechts auch nochmal zwei. Wir alle an einem endlos langen Tisch, voller Technik: Mikrofone, Kopfhöhrer, Dolmetschkonsolen, deren Kabel alle auf ein großes Mischpult zusteuerten. Dort sprach jemand auf Spanisch in ein Mikrofon, da Französisch, da Italienisch, um mich herum Sprachfetzen aus fünf verschiedenen Sprachen, die sich zu einem Klangteppich um mich herum verwebten & zu etwas wurden, das ermöglichte, dass sicher zehn verschiedene Nationalitäten im Publikum alle entspannt zuhören konnten, während auf der Bühne ein Schweizer die englische Sprache an ihre Grenzen brachte. Ich schloss die Augen, atmete tief durch & fühlte die tiefe Ruhe des Endorphinrauschs durch mich strömen, diese hochkonzentrierte Entspannung, wie ich sie vom Sparring im Kampfsport kenne.
Ehrlich: Ich hab an dem Tag vermutlich eine Menge Fehler gemacht, so vom Dolmetschen her gesagt. & trotzdem das Meiste richtig. Ich war richtig verwirrt, als mir meine Dolmetschpartnerin, eine berufserfahrene Kollegin, zum Schluß anerkennend sagte, sie sei beeindruckt, wie gut ich mich gegen die Umstände gehalten hätte. & mir auch Menschen aus dem Publikum dankten, sie hätten alles verstanden. Was aber vor allem geblieben ist, ist dieser Moment absoluten Flows, der Blick nach links & nach rechts zu meinen Kolleg:innen & das Gefühl, gerade genau am richtigen Ort zu sein.
Das & das Gefühl, dass Dolmetschen mit dem Anspruch, wirklich widerzugeben, was da passiert, eine nervenaufreibende, anstrengende Form von Dauerimprovisation ist. Ein Eindruck, der sich auch ein paar Jahre später nicht so ganz gelegt hat. Nur, dass ich sehr viel ruhiger, geübter & klarer darin bin, wie ich in die Improvisation gehe & mich durch sie trage. Aber noch mit derselben Freude & derselben Tendenz zum Flow-State, die mich an diesem Tag verzaubert haben.
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