Stefan steht am Fenster. Stefan schaut aufs Handy. Stefan geht vom Fenster zur Couch, setzt sich, schaut aufs Handy. Steht wieder auf, geht zum Fenster, zur Couch, zum Küchentresen. Stefan schaut aufs Handy.
“Kann nicht sein: dass Kim einfach abgehauen ist!”, denkt Stefan. Stefan geht zum Fenster. Stefan atmet schnell, bemerkt es nicht. Stefan denkt: “Dass Kim einfach abgehauen ist – schon wieder – kann nicht sein!” Stefan schaut zur Tür, durch die Kim vor etwa einer Viertelstunde gegangen ist. Stefan schaut aufs Handy. Stefan geht zum Küchentresen, zur Couch und setzt sich. Stefan schaut aufs Handy. Stefan denkt: “Arschloch!”
Eigentlich hätte es alles ganz anders sein sollen. Eigentlich war Date Night gewesen. Die beiden wollten zusammen gut essen & einen Film schauen mit diesem Skarsgård-Bruder, den die beiden so mochten. Eigentlich.
Doch dann ist Kim wieder einmal länger auf der Arbeit geblieben. Hat wieder einmal Stefan nicht geschrieben, dass es etwas länger sein wird, und kam, ein entschuldigendes Lächeln und eine Flasche grünen Veltiner in der Hand, viel zu spät durch die Tür. Stefan saß – wieder einmal – mit dem langsamen kalt werdenden Abendessen, heute war es Spargelrisotto, auf dem feierlich eingedeckten Küchentresen, schaute säuerlich. Sprach, ebenso säuerlich: “Na, danke sehr.” Kim sagte: “Sorry, noch ein Meeting. Shanghai hat…”
Aber Stefan wollte davon nichts wissen, sagte, “Shanghai ist egal. Wichtig ist, dass du schon wieder zu spät bist” & begann aufzuzählen, wann Kim sonst in letzter Zeit zu spät gewesen war, & wo Stefan gerade dabei war, auch, wann er sich sonst von Kim im Stich gelassen gefühlt hatte. Kim versuchte mehrmals selbst, das Wort zu ergreifen, aber Stefan war – wieder einmal – nicht zu stoppen, hörte erst auf, als – die Liste von Stefans Enttäuschungen zu etwa dreivierteln abgearbeitet – das Knallen der Wohnungstür dem völlig in seiner Aufzählung versunkenen Stefan signalisierte, dass Kim – wieder einmal – die Flucht ergriffen hatte.
Bindungs-Basics
Szenen wie diese gehören, vielleicht nicht unbedingt in dieser Intensität, zum Alltag vieler Paare. Vielleicht erkennt ihr euch oder Freund:innen von euch in Stefan oder Kim. Denn dass wir ein bisschen wie Stefan oder ein bisschen wie Kim sein könnten, ist, statistisch gesprochen, relativ wahrscheinlich. Wer das sagt? Die Bindungstheorie, die ich hier in den folgenden Posts mal etwas in ihrer Bedeutung für mich auseinander nehmen will.
In diesem ersten Teil der Reihe will ich euch dabei einen kurzen Abriss über Geschichte und Inhalte der Bindungstheorie geben, um im Anschluss daran einzusortieren, was das Ganze mit Konflikten zu tun hat. Mit Bindungstheorie habe ich mich nämlich die letzten Jahre immer mal wieder beschäftigt & der aktuelle Deep Dive wurde ausgelöst, als die Mediatorin in mir gefragt hat, welche Rolle Konflikte für unser Bindungsverhalten spielen.
Im nächsten Teil will ich ein paar meiner Gedanken und Thesen zur Bindungstheorie teilen. Die nächsten Posts werden den Blick mehr auf die kollektive Ebene legen: Welche Rolle spielt unser Bindungsverhalten in Teams, Gruppen und anderen Formen von Kollektiven und wie beeinflusst es die Konflikte in ihnen? Danach will ich über die Bindung zu uns selbst reden – und darüber, welche Rolle sie in unserem Konfliktverhalten spielt. Enden soll das Ganze mit einem kleinen How-To darüber, was sich aus den vorherigen Teilen jetzt ableiten lässt, dafür, das eigene Konflikt- und Bindungsverhalten vielleicht nicht so sehr als Schicksal, sondern als Spielraum zu erleben.
tl;dr:
Ich werde versuchen mich hier relativ kurz zu fassen, was die Grundlagen der Bindungstheorie angeht – ihr könnt sie ausführlich an anderer Stelle nachlesen1. Aber im Groben & Ganzen geht die Geschichte so: 1944 untersuchte ein britischer Psychoanalyst namens John Bowlby 44 wegen Diebstahl auffällig gewordenen Jugendliche & stellte fest, dass diese im Vergleich zu seiner Kontrollgruppe – 44 Jugendliche, die nicht gestohlen oder zumindest bisher keines Diebstahls überführt worden waren (eine in meinen Augen bei Jugendlichen sehr relevante Unterscheidung) – sehr viel häufiger in ihrer Kindheit Phasen längerer Trennung von ihrer Mutter erlebt hatten. Bowlby ging von einem Zusammenhang zwischen diesen beiden Fakten aus & machte sich die nächsten Jahrzehnte daran, diese Vermutung weiter zu untersuchen. Grundsätzlich formulierte er dabei folgende Idee: Alle Menschen kommen mit einem angeborenen Bedürfnis bei Bedrohung oder anderen Formen von Stress die Nähe anderer Menschen zu suchen auf die Welt – ein lebensnotwendiges Verhalten im Angesichts dessen, dass der menschliche Nachwuchs die ersten Jahre seines Lebens nicht alleine überlebensfähig ist. Aus den Erfahrungen, die wir mit diesem Bedürfnis machen – also ob wir unsere Eltern als präsent & schützend, als Quelle von Sicherheit im Angesicht der Gefahr oder eben nicht erleben -, entwickeln wir unser attachment behavioural system, sprich: Bindungssystem. In diesem zusammengefasst sind einmal Erwartungen darüber, ob es Sinn macht, bei Stress & Bedrohung sich auf unsere Mitmenschen zu verlassen, & gekoppelt damit bestimmte Verhaltensweisen, die darauf ausgelegt sind, im Angesicht unserer Erwartung unsere Sicherheit zu garantieren. Klingt erstmal kompliziert? Wir wollen es mal etwas entheddern.
In den 70er-Jahren führte Mary Ainsworth eine Reihe von Versuchen durch, die als “strange situation” bekannt wurden. Die Grundidee ist folgende: Elternteil & kleines Kind sind zusammen in einem Wartezimmer, Kind spielt in der Spielecke vor sich hin. Elternteil verlässt Raum. Fremder Mensch betritt Raum. Elternteil kommt zurück in den Raum.
Ainsworth ging es vor allem darum, rauszufinden, wie die Kinder sich
a) beim Erscheinen des fremden Menschen aber vor allem
b) bei der Rückkehr des Elternteils verhielten.
Solange das Elternteil anwesend ist, ist es eine Quelle von Sicherheit (safe base), von der aus das Kind die Welt erkunden kann. Verschwindet diese Quelle, so kann etwas Unerwartetes (wie das plötzliche Erscheinen eines fremden Menschen) als Auslöser von Gefahr interpretiert werden – ein Reiz, der unser Bindungssystem aktiviert. Ainswort stellte fest, dass die von ihr & ihrem Team untersuchten Kinder sich dabei grob auf eine von drei Arten verhielten, die sie als Ausdrucksformen dreier internal working models interpretierte – als drei verschieden strukturierte Vorannahmen darüber, wie auf die eigene Suche nach Nähe & Rückversicherung vom Elternteil reagiert werden wird & daraus abgeleitete Verhaltensweisen, Sicherheit herzustellen & Stress zu regulieren. Einfacher gesagt: Sie identifizierte drei Bindungsstile.
Da waren einmal die Kinder, die einfach in Ruhe spielten, wenn das Elternteil da war, die Aufregung zeigten, sobald dieses weg war, sich aber bei seiner Rückkehr schnell wieder beruhigten & dann auch dem fremden Menschen gegenüber aufgeschlossen wirkten. Ainsworth nannte diese sicher gebunden.
Eine zweite Gruppe Kinder zeigte bereits vor dem Verschwinden des Elternteils Zeichen von Stress, wurde stark dysreguliert, als dieses den Raum verließ, & fand auch bei seiner Rückkehr keine Ruhe. Statt wieder zu spielen, suchten sie Nähe zum Elternteil, reagierten nicht auf Versuche, sie zu beruhigen, sondern zeigten entweder Zeichen von Wut oder Ohnmacht. Diese wurden als unsicher ambivalent bezeichnet.
Eine dritte Gruppe schien das Elternteil weitestgehend zu ignorieren – reagierte nicht auf es, wenn es im Raum war, aber auch nicht, wenn es diesen verließ. Während spätere Studien zwar zeigten, dass die Körper dieser Kinder durchaus die physiologischen Anzeichen von Stress zeigten, war dieser Stress nicht direkt in der Art, in der sich das Kind verhielt, zu sehen. Für diese Kinder wurde unsicher vermeidend als Bezeichnung gewählt.
1990 wurde durch Ainsworths Kollegin Mary Main noch eine vierte Kategorie hinzugefügt, die als desorganisiert bezeichnet wurde. Die so klassifizierten Kinder zeigten Mischreaktionen aus den zwei unsicheren Bindungsstilen, die sie zu einem unheitlichen & widersprüchlichen Mix aus nähe suchendem, verunsichertem & abweisendem bis aggressivem Verhalten vermischten.
Ainsworth & seit ihr eine ganze Menge andere Leute haben interessante & spannende Theorien dazu aufgestellt, wie diese Bindungsstile in den Verhältnissen zu unseren Eltern (oder wer auch immer die sind, die als Kinder primär unsere Fürsorge übernehmen) entstehen. Allen, die der kurze Abriss hier gefallen hat oder die sich mit ihrem eigenen Bindungsverhalten beschäftigen wollen, seien diese Überlegungen ans Herz gelegt. Hier werde ich sie nicht weiter ausbreiten2. Wichtig ist mir vor allem, wie es weitergeht.
Denn das Verhalten der Kinder, so die Bindungstheorie, verbleibt eben nicht in der Kindheit, sondern entwickelt sich mit den Kindern zu erwachsenen Formen von Bindungssystemen weiter & behält dabei die zugrunde liegenden Annahmen über Mitmenschen & Vertrauen grundlegend bei.
Hier finden wir dann laut Theorie
- sicher gebundene Erwachsene, die selbstständig & -bewusst ihrem eigenen Leben nachgehen, aber ein grundlegend positives & für Vertrauen offenes Bild anderer Leute haben & nicht davor zurückscheuen Beziehungen & geteilte Abhängigkeit einzugehen,
- ängstlich gebundene Erwachsene, die aus den unsicher-ambivalenten Kindern geworden sind. Diese hätten häufig einen geringen Selbstwert & würden sich deshalb als stark abhängig von den eigenen Beziehungen erleben. Deshalb seien sie einerseits häufig auf der Suche nach Partner:innenschaft, zeitgleich aber, sobald sie sich in einer solchen befinden, in ständiger Sorge darüber, in der Beziehung nicht zu kriegen, was sie brauchen, & deshalb auf der Suche nach Anzeichen von Gefahr: dass der:die Andere die Beziehung beenden wolle oder den eigenen Ansprüchen an diese nicht gerecht werden könne.
- vermeidend gebundene Erwachsene, die aus den unsicher vermeidenden geworden sind. Diese Individuen würden sehr autonom & distanziert auftreten, ihren Selbstwert über unabhängige Tätigkeiten wie Arbeit ausdrücken & in Beziehungen kalt, unnahbar & nicht für emotionale Tiefe erreichbar auftreten. Was oft als ein Desinteresse an Intimität gelesen wird, ist aber häufig eine Angst vor dieser: Wo ängstlich gebundene nach dem Fehler in Anderen suchen, suchen vermeidend gebundene diese Fehler in sich selbst & würden der Verbindung ausweichen aus Angst, selbst nicht genügend zu sein.
- Die Desorganisierten behalten ihren Namen bei & weiterhin auch, vielfältige & unheitliche Verhaltenskombinationen aus den anderen beiden unsicheren Bindungsstilen zu zeigen. Dabei lassen sich bestimmte Häufungen von Verhaltenskombinationen beobachten, aber es handelt sich hierbei um einen Überbegriff, den in Gänze auszubreiten hier der Raum fehlt3.
Aus den kindlichen Erfahrungen sind also internal working models wie Bowlby das nennt geworden, innere Modelle, die Emotionsregulation, Selbstbild & interpersonelle Sicherheit bestimmen & verwalten. Jedes dieser Arbeitsmodelle ist mit bestimmten Gedanken, Gefühlen & Verhalten verknüpft. Wie sich diese jeweils im Zusammenhang mit Konflikt ausdrücken, will ich im Folgenden betrachten.
Beziehungsweise Streiten
Aus einer von oben schauenden, systemischen Perspektive sind Konflikte4 eine “unerlässliche und untilgbare Folge von Systembildung,” deren Funktion es ist, “die Unkalkulierbarkeit & Uneinsehbarkeit psychischer Systeme mit sozialer Ordnung zu vereinbaren” – so schreibt Klaus Eidenschink5 & meint damit, dass da, wo individuelle Persönlichkeiten & Bedürfnisse auf gesellschaftliche oder kollektive Systeme treffen, es unausweichlich Unvereinbares zwischen diesen beiden Ebenen gibt. Der Konflikt ist gewissermaßen die Immunreaktion, mit der das System den chaotischen Widerspruch in Richtung neuer Ordnung bearbeitet. Konflikte haben, so die systemische Perspektive, eine Funktion, einen Sinn & eine Logik.
Eine Perspektive, die vielen, die bis zum Hals im Konflikt stecken, vielleicht unverständlich bis frech anmaßend vorkommen mag. Die aber mit ein paar Schritten Abstand zum letzten eigenen intensiven Konflikterleben dann doch oft einleuchtet. Auch, warum gerade die Beziehungen, in die wir uns am tiefsten fallen lassen – die also, in denen also unser Bindungssystem am stärksten aktivierbar ist – die sind, in denen häufig die Art von widersprüchlichen Bedürfnislagen entsteht, die der Konflikt dann löst. Worüber sich grundsätzlich in Beziehungen streiten lässt? Die einen würden wohl sagen: “Über alles Mögliche & die unendliche Themenvielfalt zwischen Alles & Nichts.” Die anderen würden wohl sagen: “Am Ende geht es immer um Anerkennung.” Ich falle wohl etwas dazwischen, sehe doch eine größere Themenvielfalt & finde es falsch, Konflikte um Ressourcen, Werte oder Kommunikation unterschiedslos im Wort Anerkennung aufzulösen, aber zeitgleich auch, dass viele Konflikte sich, ungeachtet ihres sich an der Oberfläche zeigenden Inhalts, auf eines dieser drei Leitmotive reduzieren lassen.
In jedem Fall ist der Konflikt, so wie unser Bindungssystem ihn interpretiert, eine Bedrohung: Er ist Ausdruck eines Bedürfniswiderspruchs innerhalb der Beziehung & stellt, zumindest für den Moment, genau diese Beziehung in Frage. Die Aushandlung des Konflikts (in den meisten Fällen würden wir wohl sagen: der Streit) hat dann “ungeachtet seiner – möglicherweise destruktiven – Erscheinungsart in Form bindungstypischer Handlungstendenzen (…) die Funktion, die (emotionale) Nähe zur Partner:in wiederherzustellen”6.
Das lohnt es noch einmal zu wiederholen: Der Streit ist der Versuch, die zum Konflikt gewordenen Widersprüche aufzulösen, um wieder Nähe in der Beziehung zu ermöglichen! Gerade weil es sich, wenn die Wellen des Konflikts hochschlagen, oft anfühlt, als sei unser Gegenüber nur noch gegen uns & wolle uns schaden, ist es gut, sich immer mal wieder daran zu erinnern: eigentlich sucht unser Gegenüber gerade einen Weg zurück zu dem, was zwischen uns an Nähe war – auch wenn mir die Art & Weise, wie das angestellt werden soll, vielleicht gehörig gegen den Strich geht.
Eine gute Überleitung dazu, wie sich unser Bindungsverhalten in Streits zeigt. Grundsätzlich lässt sich dabei feststellen, dass es sich auf zwei Weisen auf unsere Konflikte auswirkt: Einmal hat es einen Einfluss darauf, wie häufig & in welcher Art von Streit wir geraten. & dann beeinflusst es zentral, wie wir uns in diesen verhalten. Aber der Reihe nach.
Betrachten wir die Bindungstypen, die ich oben vorgestellt hab, so zeigt sich schnell, welche Vorveranlagung die jeweiligen Typen dafür haben, in Streit zu geraten: Sicher gebundene Menschen werden eine gewisse Flexibilität mitbringen, zwischen fremden & eigenen Bedürfnissen zu vermitteln & Widersprüche vermutlich zunächst durch andere Strategien aufzulösen. Vermeidend Gebundene werden versuchen Streits weitestgehend aus dem Weg zu gehen & bei Anzeichen von Konfliktlagen eben nicht versuchen, die Nähe wiederherzustellen, sondern die Flucht ergreifen – was dazu führt, dass sie vielleicht am wenigsten geneigt sind in Streits zu geraten. Dass dabei in der Regel nicht nur der Konflikt, sondern gleich die ganze Beziehung vermieden wird, ist wohl ein Paradebeispiel für die Redewendung “das Kind mit dem Bade ausschütten”. Ängstlich Gebundene hingegen sind wohl der Bindungstyp, der am häufigsten in Konflikte gerät – nicht nur, dass sie eh darauf geprimed sind, nach Signalen von Konflikt zu scannen & im Anschluss jedes Signal disharmonierender Bedürfnisse als Bedrohung für die ganze Beziehung zu interpretieren, sie reagieren auf diese Bedrohung auch mit einer Hyperaktivierung des Nervensystems, die in der Regel eine Aushandlung in irgendeiner Form verlangt7.
Ähnliches finden wir, wenn wir uns das Streitverhalten der Bindungstypen selbst anschauen: Ängstlich gebundene sind die aktivsten & treibendsten Kräfte im Streit, werden wütend beschuldigen, fordern ein – alles, weil ein stark aktiviertes Nervensystem signalisiert: Ruhe ist, wenn alle Anzeichen für Bedrohung ausgeräumt wurden. Dass dabei selbst stetig neue Anzeichen von Verunsicherung geschaffen werden oder in der eigenen Aktivierung kaum Platz bleibt, das Gegenüber wirklich wahrzunehmen, der Streit also durchs eigene Verhalten weiter angefacht wird: geschenkt! Werden sie dabei über ihre ängstliche Wut hinausgetrieben, zeigt sich hinter dieser eine tiefe, hilflose Verzweiflung, die beim Gegenüber nach Handlungsfähigkeit & Beruhigung sucht. Vermeidend Gebundene bilden hier (as per usual) das Gegenstück: Wenn sie dem Streit nicht präventiv entfliehen konnten, wird eine von zwei Vermeidungsstrategien gefahren: Entweder wird abgeschaltet, sich in sich zurückgezogen & dem Gegenüber nur Kälte & Einsilbigkeit angeboten. Oder es wird eingelenkt, sich der anderen Seite untergeordnet & bedingungslose Kompromissbereitschaft gezeigt, um ja nicht die eigenen Unzulänglichkeiten entblößen zu müssen. Scheitern diese Strategien, kommt darunter eine Wut zum Vorschein, die so kalt wie hart ist. Die sicher Gebundenen schließlich können da, wo sie ihre Grenzen & Bedürfnisse in Gefahr sehen, entschlossen & deutlich für sich einstehen, verlieren dabei aber nicht ihr Gegenüber & die geteilte Beziehung aus dem Blick, sondern suchen, sobald die erste Welle großen Gefühls sich legt, nach einem gemeinsamen Weg durch den Widerspruch, der Komplexität, wenn schon nicht auflöst, dann zumindest sichtbar macht.
So weit, so gut, so einfach. Vielleicht war euch das beim Lesen etwas zu vereinfachend, etwas zu verurteilend. Zu einfach eben. Ich zumindest empfinde das. Aber diese Vereinfachung ist mit Sicherheit auch eine Tendenz der Bindungstheorie – gerade da, wo sie den Weg raus aus den Psychologiejournals & in irgendwelche populärwissenschaftlichen Blogs (Hi!) findet. Ich finde, da ist noch ein bisschen was zu ergänzen. Diesen Ergänzungen soll der nächste Teil dieser Reihe gewidmet sein, der hier in zwei Wochen erscheinen wird. Im nächsten Monat wollen wir uns dann schließlich dem Blick auf Bindung & Konflikt jenseits der Paarbeziehung zuwenden. Na dann: Auf geht’s.
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1 Da wäre zunächst wohl Wikipedia, ich persönlich mag auch die Schilderungen in Jessica Ferns Polysecure oder Julie Menanos The Secure Relationship.
2 Einen Einstieg können die beiden in der vorherigen Fußnote genannten Bücher bieten.
3 Wer sich dafür interessiert, sei neben den zwei bereits erwähnten Büchern auch auf Clementine Morrigans Love Without Emergency 2 verwiesen.
4 Ich unterscheide im Folgenden Konflikt & Streit & bin in der Verwendung der Begriffe dabei nicht zufällig. Ein Konflikt ist in meiner Verwendung eine widersprüchliche Bedürfnislage zwischen verschiedenen Individuen oder Kollektiven, die nicht durch simple Problemlösungsstrategien zu lösen ist. Ein Streit ist eines der gängigsten kommunikativen Systeme, durch das der Konflikt aufgelöst werden soll.
5 Klaus Eidenschink, Die Kunst des Konflikts, Carl Auer Verlag, 2025.
6 Andrea Stadler, Bindung – Partnerschaft – Konflikt, FHNW, 2023.
7 Über desorganisiert Gebundene als Sammelbegriff uneinheitlicher & widersprüchlicher Strategien ist es genau deshalb schwer an dieser Stelle eine Aussage zu treffen.
