Wir Übersetzer:innen haben’s nicht leicht.
Jetzt lach bitte nicht, es ist mir bitter ernst.
Warum?
Nun, erstens scheint niemand genau zu wissen, wer von uns eigentlich wie genannt wird & werden mag. Dass manche von uns Dolmetscher:innen & eben nicht Übersetzer:innen oder immerhin dann eben doch beides sind, das ist so richtig wie weitestgehend ignoriert. & wenn wir Fachleute dann auch noch vom Überbegriff “Sprachmittlung” anfangen zu reden, dann ist es eh vorbei.
Zweitens: Wussten sie, dass KI dabei ist, meinen Beruf unwiderbringlich auszulöschen? Ich bin mir da relativ sicher, immerhin informieren mich sehr regelmäßig Leute, die zwar nichts mit Sprachmittlung am Hut haben, aber mich, sobald ich ihnen sage, dass ich Dolmetscherin bin, im Brustton der Überzeugung informieren, dass Übersetzer:innen in näherster Zukunft, quasi gestern, vollständig durch ChatGPT ersetzt sein werden. Beides, der direkte Einfluss, den LLMs ohne Frage auf mein Berufsfeld & der ebenso direkte Einfluss, den besagte Brusttonhaber:innen auf meine Stimmung haben, machen es mir schwer.
Drittens & je nachdem, von wo wir schauen, am wichtigsten oder eben nicht, ist unser Beruf, da wo wir nun übersetzen – ob’s beim Dolmetschen oder beim Übersetzen sein mag (na, wer kommt noch mit?) – überall da, wo wir unseren Beruf also ausüben (& noch nicht unausweichlich weggepromptet wurden) manchmal eben auch vertrackt.
Von einem Wort, über das ich regelmäßig stolpere, will ich heute erzählen: Community.
Jetzt werden die Ersten sagen: Muss ich ja auch gar nicht mehr übersetzen, verstehen doch eh auch alle in Deutsch. Die medial beschworene queere Community ist vermutlich den allermeisten ein Begriff, ob sie nun Freund:innen oder Feind:innen dieser sein mögen. Die Feind:innen der queeren Community verbringen dann auch viel Zeit damit, mit großer Leidenschaft Schmähnamen für diese zu finden, die allerdings oft tiefer in die verdrängte Perversion ihrer Erfinder:innen blicken lässt als irgendwas über eine tatsächliche queere Community auszusagen. Die queere Community hingegen hat, im Großen & Ganzen, den Begriff queere Community akzeptiert. So weit, so gut, so einfach, oder?
Gewählt wird auch im Deutschen das Wort Community, um einer erstmal naheliegenden Übersetzung aus dem Weg zu gehen: Gemeinschaft. Warum dem Wort dabei aus dem Weg gegangen ist, dann aber auch schnell zur Hand: Gemeinschaft ist eines dieser Worte, das, egal wie sehr wir es versuchen, den langen Schatten seiner Verwendung durch den Hitlerfaschismus & seiner Erb:innen nicht ganz ablegen kann. Das Wort hat, um es ganz süddeutsch zu sagen, ‘n’Geschmäckle, schmeckt bitter & giftig im schlimmsten Fall & auch sonst oft doch altbacken & trocken. Die Spanne reicht also von Volksgemeinschaft zu Klostergemeinschaft & wer sich anschaut, was die Völkischen wie die Klösterlichen oft so über Queers zu sagen haben, versteht schnell, warum das Bedürfnis, sich in diese Aufzählung einzureihen, eher gering ist. Dann könnte ich beim Übersetzen doch einfach dankbar annehmen, dass das Englische uns großzügig seine Community gegeben hat, die da verwenden, wo es angebracht scheint, & sonst zur Gemeinschaft greifen & gut ist.
Ganz so einfach finde ich es eben nicht. Vielleicht, weil ich es mag, mir die Dinge unnötig kompliziert zu machen, auch wenn ich das in diesem Fall wirklich nicht glaube. Sondern eher, weil allgemein ein Blick in die Geschichte schnell zeigt, dass ein auf Englisch gemachtes Angebot, ob nun mit britischem oder, wie hier, amerikanischem Einschlag, oft so großzügig nicht ist. Historisch reden wir hier oft von grausamen kolonialen “Abenteuern”, ein Vorwurf, der dem Begriff Community an dieser Stelle wohl nicht zu machen ist. Das bisschen Kulturimperialismus bringt uns nicht gleich um, sozusagen. Aber macht eben das, was dieses bisschen Kulturimperialismus – die Amerikanisierung der westlichen Kultur – so (erfolgreich) macht: Kontexte als gleich setzen, zum selben Phänomen erklären & dabei Unterschiede zwischen diesen Kontexten zum Verschwinden bringen.
Der Begriff der Community verweist für mich auf eine unmittelbare wechselseitige Bedürftigkeit, ein “Wir brauchen uns, weil sonst da niemand ist.” Die Community ist das, wo die Ausgegrenzten, Gehassten & Gejagten sich einander ein Überleben zu ermöglichen versuchen. Ein Unterton, in den das beinahe völlige Fehlen eines Sozialstaats in den USA eingeschrieben ist, dieser kalten Welt, in der es wirklich oft nur die Menschen, mit denen ich in Beziehung bin, sind, die mir mein Überleben sichern. Eine Perspektive, die sich eben nicht 1:1 nach Deutschland übertragen lässt, wo ein trotz aller Fehler & sehr realer Diskriminierungen sehr viel funktionalerer Sozialstaat die Absicherung vieler Formen des unmittelbaren Überlebens in die Beziehung zwischen Bürger:in & Staat verlagert. & damit die Gemeinschaften erstmal von dieser Pflicht entbindet. Ohne Frage: Auch in Deutschland gibt es die, die systematisch an den Rand dieses Systems gedrängt werden, die durch Maschen im sozialen Netz fallen & die auch hier jeden Tag um ihr Leben kämpfen müssen.
Aber wenn wir hier von Community reden, dann reden wir oft nicht von diesen Leuten. Wir sagen nicht oder nur selten die Obdachlosen-Community, nicht die Geflüchteten-Community oder die Junkie-Community (in der Regel sagen wir an dieser Stelle auch nicht Gemeinschaft, sondern versuchen als kollektive Öffentlichkeit die Existenz dieser Randfiguren, insbesondere in der Mehrzahl, geflissentlich zu ignorieren).
Was wir sagen, ist die queere Community & so ganz falsch ist es eben nicht: Wir finden & organisieren uns als Queers, um gemeinsam für unsere Interessen einzustehen, geben einander starke Schultern & festen Stand gegen die alltägliche Diskriminierung, die unser Leben provozieren kann. Wir teilen unsere Ressourcen, um uns die Träume zu ermöglichen, die der Hass uns untersagen will. Manchmal kommen wir auch zusammen, um direkt für unser Überleben einzustehen, sei es, weil eine:r von uns doch so durchs Netz gefallen ist, dass Hunger, Krankheit & Entmietung an der Tür klopfen. Oder weil der Hass auf den Straßen mal wieder den Weg von der Zunge zur Faust findet.
Dass dem nicht so sei, will ich gar nicht behaupten, will allgemein nicht sagen: Hier ist alles so, da alles anders, dass hier nur Gemeinschaft, da nur community sei. Ich rede hier von Worten, die auf dasselbe zeigen & dabei verschiedenes an diesem zum Vorschein bringen. Diese Verschiedenheiten – rein sprachlich & doch mehr als nur Sprache – sind, worum es mir hier geht. Denn der Begriff der Community, so wie er sich aus dem Amerikanischen verbreitet & seinen Weg ins Deutsche gefunden hat, macht auf der begrifflichen Ebene drei Dinge:
- Er übertont eine bestimmte Form von Community. Im englischen Diskurs werden verschiedene Formen von community unterschieden: Community of identities, also Gemeinschaften, die sich durch geteilte Identitätsmarker ergeben, communities of location, also die Gemeinschaften, die sich durch geteilte Orte ergeben, & communities of struggle, die durch gemeinsame Kämpfe geeint werden. Das deutsche Community bezeichnet, wo ich ihn erlebe, fast ausschließlich communities of identity.
- Dieser Begriff wird zeitgleich unschärfer, kann Queers, Gamer:innen oder Fans von Fußballclubs bezeichnen. Es ist nicht ganz so krass wie im Englischen, wo Casey Plett dem Begriff eine “semantische Übersättigung”1 diagnostiziert, die es schwer macht zu erfassen, worüber genau geredet wird. Im Deutschen ist die mögliche Verwendung zwar enger & zeitgleich ähnlich unscharf bestimmt.
- Dieser verengte, aber diffuse Begriff dessen, was community sein kann, verliert gleichzeitig viel seiner (ohnehin löchrigen) Trennkraft zu Begriffen wie Szene & Subkultur.
Es werden also bestimmte Formen von community im Deutschen in diesem Wort wahrgenommen, während andere eher zum Verschwinden gebracht werden. Die, die dann noch als solche wahrgenommen werden, werden eher analog zu einer Szene verstanden & gehen dabei auch den Weg, den letztere die letzten Jahrzehnte viel gegangen sind: weg von der Organisierung gemeinsamer Ziele und Handlungsmacht, von Überlebensangeboten, hin zu geteilten Ausdrucksformen & Merkmalen, auf maßgeschneiderte Konsumangebote. Queersein wird so mehr & mehr zu einer Frage von Auftritt & Verhalten (& den dazugehörigen Konsumformen) als von politischen Zielen oder sozialen Positionen.
So. Das sollte mal eine humoristische Anekdote werden, die dann irgendwie doch bitter ernst geworden ist. Ups. Natürlich: Ich formuliere hier keine Absolutheiten & Allgemeinheiten. Viele Leute, die den Begriff community für sich verwenden, machen leidenschaftliche, engagierte und wirkungsvolle Arbeit für genau die Gemeinschaften, für die sie das Wort wählen. Eben: Ich hab versucht vor allem über Sprache, nicht über das, wie Dinge eben sind, zu reden – so gut das eben geht & in der Regel geht das nicht so gut. Um echte Kollektivität, egal wie wir sie dann nennen, soll es hier in den nächsten Monaten noch zu Genüge gehen.
Klar zu trennen sind community & Gemeinschaft am Ende dann eh nicht – es sind halt Übersetzungen füreinander. Ein Satz, über den ich in diesem Kontext & allgemein viel nachdenke, ist “An act of translation is always an act of betrayal”2 – jede Übersetzung ist immer ein Verrat. Sensibel für diese Formen des Verrats zu werden, für das, was verloren & verdeckt, das, was erhöht & geschönt wird, da, wo wir zwischen den Sprachen tanzen, ist etwas, das dieses Tanzen eben so vertrackt macht. So fordernd – im besten Sinne.
An dieser Stelle lässt sich vielleicht auch fragen, was wir in der Gemeinschaft im Gegensatz zur Community (mehr) finden können. Oben sprach ich von Klostergemeinschaften & für mich trägt sich das spezifisch im Wort Gemeinschaften: Kollektivität, die sich um eine geteilte Aufgabe, einen geteilten Wertekanon & geteilte Rituale konstituiert. Ist das so schlecht? Auch wenn ein Kloster für mich vielleicht nicht der richtige Ort für eine solche Gemeinschaft sein sollte – ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mir so etwas nicht wünsche & nicht immer in meinem Leben auf der Suche nach einer solchen Gemeinschaft gegangen bin – um dann Communities zu finden, in denen ich nicht ganz Fuß fassen konnte.
Ob das reicht, um dem Gruselschauer, der Nazisprache, von dem euch auch die Tourguides am Kölner Dom etwas erzählen können, zu entgehen? Die kurze Antwort ist wohl: it depends. Die lange Antwort beginnt irgendwo bei “Der Diskurs um die Rückaneignung einer lebendigen Verwurzelung mit der eigenen kulturellen Geschichte” (um hier mal einen ähnlichen Eiertanz um ein weiteres Wort mit Geschmäckle, nämlich Heimat, zu machen) “ist notwendig komplex & nicht durch lineare Amerikanisierung der Sprache zu lösen” & ehrlich: von so komplizierten Sätzen standen hier heute genug & ich werde es an der Stelle dabei belassen. Ich werde wohl auf Weiteres den Weg der reflektierten Unklarheit gehen: mal Gemeinschaft, mal Community, mit einem Ohr dafür, was gesagt werden soll, einem Sinn dafür, wie Sprache sich formen & bewegen will & einem Gefühl im Bauch, das mir sagt, wo es langgeht. Insbesondere Letzteres werden wir Fleischknäule der KI ja auch – hoffentlich – eine ganze Weile voraushaben.
