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Was heißt transformatives Arbeiten?

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Als ich meine Website gebaut habe, habe ich mir ein KI-Copywriting-Tool gebaut, das mir meine Texte feedbacken sollte, um sie zu schärfen. Eines der Worte, mit denen sich meine virtuelle Copywriterin rumgebissen hat, war “transformativ.” “Was soll das sein?” kam immer & immer wieder das Feedback. Dabei ist doch gerade transformativ eines dieser Worte, bei denen fast alle direkt ein, zugegeben oft eher diffuses, Bild im Kopf haben. Aber vielleicht ist das das Problem: das Wort bedeutet für die einen mehr das eine, für die anderen mehr das andere und bleibt, bei den einen wie den anderen, eher diffus. In diesem Sinne & um meiner Copywriterin vielleicht endlich eine befriedigende Antwort auf ihre Fragen geben zu können, lade ich heute zur Begriffsklärung ein.

Transformativer Dreiklang

Ich überspringe mal den Teil, in dem ich mit großer Geste aus dem Lexikon zitiere. Dass transformativ irgendwas mit Veränderung zu tun hat, dürfte den meisten Leuten irgendwie klar sein. Mir begegnet es meistens in einer von drei etwas spezialisierteren Bedeutungen:

  1. Im Kontext von Organisationsentwicklung. Hier hat Transformations den alten Begriff Change abgelöst, der verwendet wurde, um zu beschreiben, was Unternehmen versuchten bewusst zu gestalten. Weil: das Unternehmen & andere Formen von Organisationen sich verändern müssen, das war irgendwie klar, immerhin verändern sich die Märkte und Gesellschaften, in denen sie agieren beständig. Das heißt: Auch wer sich nicht aktiv um Veränderung kümmert, wird sie erleben. Aber dann vielleicht halt eher als schleichender Verlust von Relevanz in Richtung Insolvenz oder Zersplitterung. Die Versuche, dagegen bewusst gestaltete Veränderungsprozesse in Richtung selbstgewählter Ziele zu setzen, wurden früher mal Change-Management genannt; jetzt wird öfter von Transformation geredet & wer wissen will, wieso, kann sich nicht nur eine, sondern gleich eine ganze Vielzahl von Antworten dazu anhören. Angefangen vielleicht dabei, dass woran die meisten denken, wenn sie change hören, climate change sein dürfte & sich eine solche Assoziation beim Verkaufen von Beratungskonzepten einfach schlecht macht.
  2. Die zweite Verwendung ist das Konzept der transformativen Gerechtigkeit, wie es in aktivistischen Kreisen in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit erfahren hat. Das Konzept setzt einen Gegenentwurf zur sogenannten punitiven Gerechtigkeit, also einer strafenden Gerechtigkeit, in der Schuld individualisiert und mittels Strafe und Ausgrenzung versucht wird, zu lösen – eine Idee, die nicht zufällig ihr Sinnbild im Gefängnis findet. Genauso wenig zufällig ist, dass die Pioniere transformativer Gerechtigkeit oft in den Communities zu finden sind, die das Ausmaß punitiver Gerechtigkeit & ihrer zerstörerischen sozialen Konsequenzen besonders oft zu spüren kamen: BIPOC-Aktivist:innen in den USA. Anstelle von Strafe und Ausgrenzung setzt die transformative Gerechtigkeit Wiedergutmachung und Verantwortungsübernahme und bietet dazu Konzepte und Methoden an, mit Gewalt, Konflikt und Verletzung kollektive Umgänge zu suchen, statt die damit verbundenen Probleme & Lösungen auf die Individuen abzuladen oder den Staat auszulagern. In den letzten Jahren ist das Konzept in linken Bewegungskontexten sowie im Community-Organizing aufgegriffen worden, um über Umgänge mit Konflikt innerhalb ausgegrenzter und bedrohter Gemeinschaften nachzudenken, die nicht durch den Rückgriff auf strafende Institutionen wie Polizei und Gericht beigelegt und reguliert werden sollen, sondern durch die beteiligten Individuen und Gemeinschaften selbst und diese so nachhaltig zu stärken & resilienter zu machen1.
  3. In der Mediation wird von transformativer Mediation als einer Art Spielart des Mediationsprozesses geredet, bei der es um eine maximale Ermächtigung der Parteien (wie wir im Mediationssprech gerne diejenigen nennen, die als Teilnehmer:innen von Mediationen zu uns kommen) geht. Also statt Struktur und Lenkung anzubieten, anhand derer die Parteien ihre Konfliktlösung entwickeln, statt zu führen, folgt die transformative Mediatorin den Parteien dabei, wie diese einander erkennen & sich selbst ermächtigen & hilft dabei, Momente zu erzeugen, die dies ermöglichen. Durch den so gelegten Fokus auf recognition und empowerment als den zwei zentralen Zielen transformativer Mediation werden nicht nur die Konflikte, mit denen die Parteien in die Mediation kommen, gelöst, sondern die Beziehungen der Parteien zueinander wie zu sich selbst grundlegend verändert.

Das Chaos halten

Ja, & ich? Grundlegend fühle ich mich dem Ansatz transformativer Mediation sehr nahe, insbesondere der theoretischen Grundhaltung, nicht nach Deals, sondern nach einer Verbesserung von Beziehungen zu suchen, wie Folger & Bush im Grundlagenwerk The Promise of Mediation das Ziel transformativer Mediation beschreiben.
Das heißt nicht, dass die Sachebene irrelevant oder nicht wert ist, geklärt zu werden. Aber das, da, wo Menschen in die Mediation kommen, die Sachebene oft erstmal kaum zu sehen ist unter den Verzerrungen des Konflikts. Aber es formuliert den Anspruch, mehr zu sein als nur ein weiteres Verhandlungswerkzeug, sondern ein Mittel persönlicher Veränderung – die Parteien selbst werden zum Zweck des Verfahrens, sollen gestärkt und ermächtigt werden, indem sie zu Eigenverantwortung (Empowerment) & Beziehungsklärung (Recognition) geführt werden.
Diesem Ziel kann ich mich ganzen Herzens anschließen, auch wenn ich nach einigem Rumprobieren den strengen methodischen Drive zur Nichtintervention, der transformativer Mediation zugrunde liegt nicht an allen Stellen geeignet finde, die eigenen Ansprüche einzulösen – während es manchmal absolut richtig & notwendig ist, Räume auch über das Schweigen & die Ausbrüche hinweg zu halten um die Momente von Tiefe und Klarheit dahinter zu erreichen, braucht es manchmal eben doch eine klare Struktur, die von außen angeboten wird & in der sich die Ruhe zurückgewinnen lässt, die es braucht Tiefe & Klarheit zuzulassen – Veränderung ist anstrengend & manchmal ist unsere Aufgabe als Mediator:innen zunächst wieder einen Raum zu schaffen, in dem Anstrengung möglich & lohnenswert erscheint.

Wir bieten also das, was in der psychodynamischen Theorie ein Container genannt wird: einen gehaltenen Raum, in dem durch klar artikulierte Grenzen und Absprachen eine Stabilität geschaffen wird, in der die Instabilität des Konflikts sicherer erlebt werden kann. Der mediative Container, den wir anbieten, ermöglicht das, was Lucy Fielding “umgrenztes Chaos” nennt2: eine gehaltene & begrenzte Zone des Unbestimmten, in der aus genau diesem Unbestimmten die Möglichkeiten entstehen, die durch die festgefahrene Logik des Konflikts blockiert waren. Plötzlich lässt sich klar erkennen, dass das, was die Beziehung braucht, mehr Distanz zueinander ist. Oder weniger. Oder jemand erkennt, seit Jahren zu viel Verantwortung in der Beziehung zu tragen. Oder zu wenig. Gar nicht in diesem schrecklichen Haus wohnen zu wollen. Sich eigentlich Führungsverantwortung zu wünschen.
Konflikte entstehen da, wo Veränderung notwendig, aber schwer zu machen oder nicht für alle gewünscht ist. & sie formalisieren diese Widersprüche in ein System, das wir dann als Konflikt erkennen. Gewissermaßen sind Konflikte genau der Versuch der Verhinderung von Chaos, in dem sie ein soziales System mit erwartbaren Abläufen und klaren Rollen anbieten. Sicher: Das mag sich bis zum Hals im Konflikt anders anfühlen, aber von außen lässt sich schnell erkennen, dass ein Konflikt oft ein Tanz mit festen Schritten ist & eben keine Tabula rasa.
Hier versucht die transformative Mediation einzugreifen, genau diese festen Schritte aufzulösen & in Frage zu stellen, einen sicheren Raum für das Chaos jenseits der Tanzordnung anzubieten. Denn das Chaos kann ein noch verunsichernder & fordernderer Raum sein als der Konflikt3. Aber es ist eben auch der Weg, der zu Klarheit & Neuordnung führt, der die heilsamen Enttäuschungen – zum Lieblingswortspiel von Mediator:innen, der Ent-Täuschung werde ich hier in nächster Zeit noch etwas schreiben – und bewegenden Ermächtigungen führt, der Weg der Transformation.

Veränderungen begleiten

Über das Ziel dieser Transformation ist dabei freilich nichts gesagt. Mediator:innen sind, in meinen Augen, in dem was sie tun mit der Arbeit von Heiler:innen verwandt & deshalb orientiere ich mich auch an einem Leitsatz für Heiler:innen wie Susan Raffo ihn formuliert: “Wir können die vielen verschiedenen Arten, auf die ein Leben sich selbst erfährt, weder auf- noch einteilen, wir können nur zulassen, dass dieses Leben für sich selbst & in Beziehung zu seiner selbstgewählten Gemeinschaft bestimmt, was Heilung bedeutet.”4
Heilerin ist ein großes Wort, das viele an dieser Stelle vielleicht ablehnen würden. Ich verwende es auch nicht leichtfertig und in tiefem Bewusstsein für seine Größe & Bedeutung. Es steckt etwas Spirituelles in ihm, es setzt mich also in Verbindung mit etwas, das größer ist als ich. Und etwas Politisches: Es gibt dieser Verbindung einen Auftrag; es gibt mir eine Rolle in Gesellschaft und eine Idee davon, wie mein Wirken diese verändern kann & soll. Heilerin als eine gesellschaftliche Rolle zu betrachten führt mich an den Punkt, an dem die Idee transformativer Mediation für mich in Ideen transformativer Gerechtigkeit, denen ich mich auch tief verbunden fühle, übergeht.

Grundsätzlich gehe ich dabei erstmal davon aus, dass die beiden Konzepte, jenseits einiger festzustellender Unterschiede und eines gewissen Abgrenzungsbedürfnisses, eh nicht so weit voneinander entfernt sind. Vor allem zwei Kernkonzepte transformativer Gerechtigkeit empfinde ich dabei als besonders nahe an meinem Verständnis von Mediation, aber auch den allgemeinen Möglichkeiten des Mediationsprozesses:

  1. Die eigentlichen Verletzungen durch eine Straftat passieren eben nicht auf der Ebene des staatlich durchgesetzten Rechts, auf welcher sie dann verhandelt und sanktioniert werden, sondern zwischen Individuen & innerhalb von Gemeinschaften – & auf diesen Ebenen sucht die transformative Gerechtigkeit eine Wiedergutmachung.
  2. Diese Widergutmachung geschieht dadurch, dass Klarheit geschaffen wird & durch diejenigen, die Schaden angerichtet haben, sowie die weitere Gemeinschaft Verantwortung übernommen wird. Durch die so gewonnene Klarheit und Verantwortungsübernahme werden die Beteiligten und ihre Beziehungen auch über die Auflösung des Konflikts hinaus ermächtigt und verändert.
    Dabei ist freilich zu beachten, dass viele Konzepte transformativer Gerechtigkeit im Hinblick auf einen Kontext entstanden sind, der in der Mediation so eher selten & in bestimmten Verfahren gegeben ist: In der Verantwortungsübernahme im Fall ausgeübter Gewalt ist in der Regel zum Anfang der Aufarbeitung gesetzt, wer Gewalt ausgeübt & wer sie erlitten hat & daraus ergeben sich bestimmte Rollen und Verantwortungen im Prozess. In der Mediation ist diese Aufteilung am Anfang oft nicht gegeben, häufiger ist da wohl eher ein Setting, in dem jede Partei für sich die Rolle des Opfers & für die anderen die Täter:innen-Rolle reklamiert & im Laufe des Verfahrens gilt es allseitigen Schaden & rundherum befleckte Westen zu einem zukunftsträchtigen Beziehungskonzept zu verändern. Aber auch angesichts dieser Umstände denke ich, dass die grundlegenden Bewegungslinien der oben genannten Punkte sich meiner Meinung nach gut zu einem breiteren Verständnis mediativer Praxis zusammenfassen lassen:
    Der Konflikt wirkt am direktesten & unmittelbarsten auf der Ebene der beteiligten Parteien & ihrer direkten Umfelder & es ist diese Ebene, auf der wirklich definiert werden kann, wie Formen von Regulation, Wiedergutmachung & Veränderung aussehen können, die nachhaltig und wirksam sind5. Und diese Form von Konfliktregulation verändert die daran Beteiligten & die Räume, in denen sie sich bewegen, insofern, als lebendige, flexible und anpassungsfähige Beziehungen & das Wissen darüber, wie diese zu bilden & erhalten sind, entstehen.

Vom Standpunkt transformativer Gerechtigkeit aus lässt sich die Lehre transformativer Mediation aber auch kritisieren: Denn dort, wo die Mediation nur von individueller Veränderung redet & sich keinem kollektiven Ziel gesellschaftlicher Verhältnisse anschließt, sozusagen versucht, ihr Fähnlein nicht in den Wind gesellschaftlicher Verhältnisse zu hängen, sondern nur persönliche Veränderung ohne Inhaltszwang anzubieten, setzt die transformative Gerechtigkeit einen starken Fokus auf die Aushandlung von Beziehungen in Gemeinschaft. Anstatt Probleme zu individualisieren, wird nach einer angemessenen Anzahl an Schultern gesucht, die die Probleme & ihre Bearbeitung durch den Raum tragen sollen. Im Mediationsprozess ist dies nur manchmal direkt möglich – teilweise unserem Verfahren & seiner Struktur selbst geschuldet, nicht im geringen Teil aber auch der diffusen & isolierten Formen von Gemeinschaft, die das Leben unserer Tage kennzeichnen6. Nichtsdestotrotz haben diese Ideen einen starken Einfluss darauf, wie ich über unsere Rolle als Mediator:innen und, wenn ich das Wort anbieten darf, Heiler:innen versteht & denke deshalb, dass uns auch da, wo wir mit den Parteien allein im Raum sind begleiten sollte: als ein Bild davon, wie diese sich in ihren Räumen und Welten bewegen & wie wir ihnen dabei helfen können, diese Bewegungen in Zukunft flexibler und bewusster zu gestalten.

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  1. Für Interessierte lässt sich ein tiefergehender Einstieg ins Thema transformativer Gerechtigkeit im gerade erschienenen, großartigen Handbuch Transformative Gerechtigkeit des Herausgeber:innenkollektivs UmGäng im Unrast Verlag finden. ↩︎
  2. cf. Lucy Fielding, Trans Sex: Clinical Approaches to Trans Sexualities and Erotic Embodiments (Routledge, 2021). ↩︎
  3. Gramsci schrieb in seinen Gefängnisheften “Die alte Welt stirbt. Die neue kämpft darum geboren zu werden. Jetzt ist die Zeit der Monster.” Auslöser dieser Beobachtung war in seinem Fall der Zusammenbruch sozialer & wirtschaftlicher Ordnung um ihn herum, mich begleitet er nun schon mehrere Jahre als ein perfektes Sinnbild dafür, wie intensive Veränderungsprozesse aussehen & sich anfühlen. ↩︎
  4. Susan Raffo, Liberated to the Bone. Histories. Bodies. Futures (AK Press, 2022). ↩︎
  5. Dies ist nicht damit zu verwechseln, dass so gefundene Formen von Regulation, Wiedergutmachung & Veränderung auch auf dieser Ebene umgesetzt zu sein haben. Aber auf welche Ebenen wie eingewirkt werden soll, kann am effektivsten auf der unmittelbar betroffenen Ebene definiert werden. ↩︎
  6. Wer einen Vergleich hierzu sucht, kann im bereits genannten Handbuch Transformative Gerechtigkeit einige Texte darüber finden, wie in lokaler & kollektiver organisierten Formen von Gesellschaft mediative Praxen unmittelbar in gemeinschaftliche Praxen eingebunden sind. ↩︎